Kolumnen

Aus der Auseinandersetzung mit dem geteilten Raum erwachsen vielfältige Positionen zu Politik, Kultur, Landwirtschaft und Kunst. In unseren Kolumnen werden sie artikuliert - oftmals tastend, hin und wieder mit rhetorischer Schärfe, oft als Vorstufe zu weiteren Projekten. Manchmal werden in längeren Zeiträumen ganze Themenfelder ausgeleuchtet, manchmal einzelne Schlaglichter geworfen. In jedem Falle sind die Kolumnen dazu da, etwas zu klären.

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Haltet den Dieb!

Über Subsistenzwirtschaft XII

Kenneth Anders, 14.09.2017

In diesen Wochen geht es in Deutschland sehr viel um den Dieselmotor. In kurzer Zeit ist er zu einer geschmähten Antriebstechnologie geworden. Dafür war zuerst eine regelrechte Betrugsserie von Autoherstellern verantwortlich, dann entzündete sich eine Feinstaubdebatte, die wiederum durch ein Gerichtsurteil  befeuert wurde. Da seither die Verkaufszahlen für Dieselautos abstürzen, kann man sich ausrechnen, wie intensiv sich die Industrie noch mit dieser Technik auseinandersetzen wird.

Diese Entwicklung soll hier nicht weiter bedauert werden, obwohl ich, das sei offen zugegeben, Besitzer eines Dieselfahrzeuges Baujahr 2015 bin, mich also in Bezug auf meine Erwartung, mit dieser Anschaffung eine Weile Ruhe zu haben, getäuscht sehe. Es geht mir aber um etwas allgemeineres, um die Ächtung von Technologien im Umweltdiskurs überhaupt.

Die landläufige Einschätzung solcher Diskurse und ihrer praktischen Auswirkungen ist die: Wir haben eine Demokratie, die durch eine (medial vermittelte) bürgerliche Öffentlichkeit mitgestaltet wird. Kritik, Information und kollektive Urteilsprozesse tragen dazu bei, dass sich unsere Gesellschaft fortwährend weiterentwickelt. Es ist eine kollektive Selbstaufklärung, und in deren Dienst steht auch der manchmal etwas übertrieben wirkende öffentliche Aufmerksamkeitsfokus. Zwar wird der manchmal als Hysterie geschmäht, aber er hat doch seinen guten Sinn und Zweck. Denn ohne Geschrei bewegt sich ja nicht viel.

Das mag sein. Ich empfinde zum Beispiel den deutschen Atomausstieg, der sich einer ähnlichen Dynamik verdankte, als durchaus angemessen und es kommt mir bis heute seltsam vor, mit welcher Empörung langjährige Atomkraftgegner diesen Erfolg ihres Kampfes gegen die Nutzung der Kernenergie kommentieren. Da ihre Ziele plötzlich auch von politischen Kräften mitgetragen wurden, die vorher die Atomkraftnutzung verteidigt hatten, sehen sie sich um ihr Alleinstellungsmerkmal betrogen. Das stimmt zwar, aber das Ziel wurde doch erreicht? Und verliert man nicht immer sein Alleinstellungsmerkmal, wenn eine ganze Gesellschaft sich eine Forderung zu eigen macht, mit der man sich vorher in der Minderheit befand?

Wie dem auch sei, das Irritierende an der Dieseldebatte (und an den anderen gesellschaftlichen Aufmerksamkeitsschocks wie Acrylamid, Zucker, rote Wurst oder Glyphosat) liegt in der Auslese, mit der jeweils ein einzelnes Element unserer biotechnologischen  Welt freigestellt wird. Es scheint nicht mehr darum zu gehen, über eine Sache ins Grübeln zu geraten, sich zu beraten, nachdenklich zu werden und dann, vielleicht schweren Herzens, eine Entscheidung zu treffen. Man kanalisiert vielmehr das allgemeine Unbehagen am Kontrollverlust über das Leben in der Versorgungsgesellschaft auf ein einzelnes Objekt. Die Jagd hält uns in Schach und nährt zugleich die Vorstellung, dass wir, ist sie erfolgreich, wieder rein und unbelastet leben werden.

Aber das ist natürlich nicht der Fall. Es gibt tausend andere Dinge, auf die zu achten ist, die möglicherweise gefährlich oder sogar ganz sicher schädlich sind. Aber statt empirisch zu vergleichen und strategisch mit diesen Gefahren umzugehen, entlasten wir uns, indem wir einen Schuldigen finden und ihn mit aller Vehemenz verurteilen. Und wenn dieser Schuldige dann eingesperrt (also verboten) ist, suchen wir uns einen neuen. Ich kann mir nicht vorstellen, auf diese Weise klüger in Bezug auf die Folgen des eigenen Tuns zu werden.

Was hat das mit Subsistenzwirtschaft zu tun?

Nun, wer auch nur einen sehr kleinen haus- und hofwirtschaftlichen Lebenszusammenhang betreut und etwas darüber nachdenkt, sieht deutlich, dass beinahe alle Anschaffungen zwei Seiten haben. Ein großer Garten ist wunderbar, aber er macht auch viel Arbeit. Die Tiere sind herrlich, aber man muss sie töten und sie können erkranken, sie machen Freude und Kummer. Ein Haus mag schön sein, aber jeden Tag ist es dem Verfall ausgesetzt. Man kann Chemie einsetzen, aber die hat man dann im eigenen System – und man sieht sie nicht mehr. Ein neues Werkzeug kann hilfreich sein, aber man muss Platz für das neue Ding finden und wenn es kaputt geht, ärgert man sich. Hier spart man Zeit, dort zerrinnt sie einem zwischen den Fingern. Egal, was man tut, man begibt sich in Widersprüche. Wenn man sich an eine Ressource bindet, kann man nicht rufen: Haltet den Dieb! Denn man ist Eigentümer, Dieb und Bestohlener in einem. Man muss abwägen. Alles hat seinen Preis. Die Ressource involviert einen in ihre Bedingungen.

Kaufen dagegen scheint – außer dem Geld – keinen Preis zu haben. Es ist ein Vorgang, der nichts mit einem zu machen scheint. Denn das Äquivalent zum Kaufen ist das Wegschmeißen. Das bringt die Welt wieder ins Gleichgewicht, schafft Platz für Neues, vertreibt den Ärger und beseitigt den Widerspruch. Was das mit uns und der Welt macht, lässt sich nicht erfahren.

Mein Misstrauen an unseren Umweltdiskursen liegt nun eben darin, dass sie, gerade dort, wo etwas geächtet wird, zugleich Unschulds- und Reinheitsversprechen ausgeben, statt uns in die spannungsreiche und komplexe Wirklichkeit zu stellen. Auf den Klimawandel reagieren wir mit gedämmten Wänden – nie mit kleinerem Wohnraum. Es gibt in dieser Logik kein lieber nicht oder besser weniger. Es gibt nur ein: Dieses nicht mehr, stattdessen jenes. Für alles, was schlecht ist, gibt es einen besseren Ersatz. Wir sollen uns frei fühlen, frei, zu verbrauchen.

Mit einem Elektroauto wird alles gut. Strom – was ist schon Strom? Strom macht keinen Feinstaub. Strom ist sauber.

Wird fortgesetzt.